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Zeitzeugen-Bericht von Jochen Stopperam (Jahrgang 1941)

 Meine Teilnahme am Leben der Schweriner Jungen Gemeinde begann 1952, als ich von älteren Jungen angesprochen wurde und einmal in der Woche in den Jugendkreis ging. Sie endete 1960, als ich nach dem Abitur eine Berufsausbildung entfernt von Schwerin absolvierte.

Dazwischen lagen acht sehr inhaltsreiche Jahre, in denen die Junge Gemeinde intensiv auf meine Entwicklung gewirkt hat und mir den Blick für die ganze Breite des geistigen Lebens geweitet hat.

Um die Mitte des christlichen Glaubens herum gab es eine vielfältige Palette von Inhalten und gemeinsamen Erlebnissen, durch die wir angezogen wurden, mitzumachen und weitere Jungen mitzubringen. Zusätzlich entstand Energie durch die Spannungsbögen zur mitunter sehr verschieden lebenden und denkenden Umwelt.

Am besten beschreibe ich am Beispiel der wenigen Monate Frühjahr 56 bis Herbst 56, wie ich das meine.

Ich ging damals in die Karl-Liebknecht-Schule (erst Feldschule) und besuchte die wöchentlichen Jugendkreise in der Bischofstr. 6, die ältere Jungen mit uns durchführten. Außerdem nahm ich am Sing- und Spielkreis von Pastor Wellingerhof teil. Pastor Wellingerhof entwickelte immer neue Ideen, strahlte Optimismus aus und arbeitete nimmermüde im Detail. Wir mochten ihn auch deswegen, weil er so offen und einfach mit uns redete. Begonnen hatte ich gerade im Posaunenkreis bei Diakon Bernhard Kränz. Sing- und Spielkreis wie auch Posaunenkreis fanden schon in der "Oase" und auf der Bühne im Wichernsaal Apothekerstr. statt.

Im Frühjahr 56 ging ich auch zum Konfirmandenunterricht, den Pastor Joachim Lohff für uns Kinder der Domgemeinde durchführte. Pastor Lohff nahm die Junge Gemeinde zwar zur Kenntnis, kümmerte sich aber weiter nicht um sie. Er erklärte uns sehr geistreich und eindringlich das Wesen der Sakramente, das Opfer Jesu ("das ist mein Blut, was für euch vergossen ist") und die Dreifaltigkeit Gottes. Erst bei Pastor Lohff habe ich verstanden, was christlicher Glaube meint. Er hat uns besonders den Apostel Paulus vermittelt. Judica 1956 wurden wir im Dom konfirmiert. Pastor Lohff hatte mir den Konfirmationsspruch ausgesucht : "Wisset ihr nicht, daß ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?" (Paulus an die Korinther).

Den Spruch hat mir dann gleich Günter Rein (der ältere Junge, der mich in die Junge Gemeinde eingeführt hatte) in meine erste Bibel mit Tusche schön eingeschrieben. Diese Luther-Bibel war 1955 in der Evangelischen Haupt-Bibelgesellschaft zu Berlin erschienen (veröffentlicht unter der Lizenz des Amtes für Literatur und Verlagswesen der DDR). Gekauft hatten Onkel und Tante sie für mich als Konfirmationsgeschenk bei der Buchhandlung Stieghahn am damaligen Leninplatz, jetzt Marienplatz.

Ich will also sagen, daß ich die Bedeutung der Lieder, die wir im Spiel- und Singkreis bei Pastor Wellingerhof sangen und im Posaunenkreis bei Diakon Kränz spielten, erst richtig verstehen konnte durch die danebenlaufende Unterrichtung bei Pastor Lohff. Die Konfirmationsbibel habe ich dann 59 und 60 auch für meine eigenen Bibelarbeiten in Jugendkreisen benutzt, wo ich mich als Helfer versuchte.

Nach der Konfirmation begannen die Abschlußprüfungen der 8. Klasse an der Karl-Liebknecht-Schule. Wir gingen damals noch alle aus der 8. Klasse ab. Die Mehrzahl begann gleich eine Berufsausbildung, einige Wenige gingen zur Goethe-Schule (Abitur) oder zur Friedensschule (Mittlere Reife). In den mündlichen Abschlußprüfungen trug ich, wie auch sonst oft, das Abzeichen der Jungen Gemeinde, das Kugelkreuz. Davon wurde von den prüfenden Lehrern überhaupt kein Aufhebens gemacht. Über die Bewertungen konnte ich mich nicht beklagen. Nur ein einziger fragte mich, was das Zeichen bedeute. Ich antwortete, daß es das Kreuz auf der Erdkugel sei und bedeute, daß Jesus sich geopfert habe, damit alle Menschen ohne Unterschied vom Bösen erlöst würden. Ich erfuhr in den vier Jahren an der Karl-Liebknecht-Schule keine Anfeindungen wegen der Jungen Gemeinde. Es ging dort sehr wohlwollend zu.

Es waren auch diese Lehrer, besonders Frau Schlopsnies, die dafür sorgten, daß ich auf der Goetheschule weiterlernte. Ich war ursprünglich darauf eingestellt, gleich nach der 8. Klasse eine Lehre als Rundfunkmechaniker zu beginnen. Aber wahrscheinlich war aufgefallen, daß ich mit viel Wissen ankam, was über den Unterrichtsstoff hinausging oder dort gar nicht vorkam. Teilweise hatte ich das aus der Jungen Gemeinde. Und so hing alles irgendwie zusammen.

Gleich nach Ende des Schuljahres nahm ich dann wieder an einer der schönen Ferien-Freizeiten teil, diesmal mit Diakon Kränz in Zelten am Barniner See. Ob ein oder zwei Wochen weiß ich nicht mehr. Meine erste solche Freizeit war 1953 bei Zapel gewesen. Die Tage waren angefüllt mit Baden, Spielen, praktischen Arbeiten wie Essenkochen, Wasser vom nächsten Gehöft herantragen, Donnerbalken in Ordnung halten u.a.

Oft sangen wir abenteuerliche Lieder, auch aus dem sogenannten Kilometerstein. Der Tag begann in der Regel mit einer kurzen Morgenandacht im Stehen und endete oft mit Reden und Meinungsaustausch über Lebensfragen, soweit sie uns beschäftigten. Gegen Ende der Freizeit gab es die Lagerprüfung, wo mit Brennnesseln, Robben über Zapfen, Trinken von üblem Gebräu u.ä. die Standhaftigkeit erprobt wurde.

Nach Ende der Freizeit am Barniner See begannen Reisevorbereitungen zu einem Besuch von Verwandten im Westen. Meine Mutter, meine drei Schwestern und ich waren für zehn Tage eingeladen worden. Von den Formalitäten habe ich nur noch behalten, daß meine Mutter mich zu Pastor Karl Kleinschmidt wegen eines Führungszeugnisses geschickt hat. Sein Dienstzimmer war wiederum in der Bischofstr. 6, eine Treppe hoch. Mit zwei-drei Sätzen bescheinigte er uns, daß wir harmlose Bürger seien. Er sprach noch kurz mit mir über meinen bevorstehenden Anfang an der Goethe-Schule. Mit diesem Zeugnis erhielten wir dann von der Polizei irgendwelche Genehmigungsstempel für das Passieren der Grenze. Pastor Kleinschmidt war nach dem Krieg Mitbegründer des Kulturbundes im Osten Deutschlands gewesen. Neben seiner Tätigkeit als Domprediger pflegte er verzweigte kulturelle und politische Verbindungen. An der Jungen Gemeinde zeigte er aber kein Interesse.

Mit den so verschiedenen Persönlichkeiten der Pastoren Wellingerhof, Lohff und Kleinschmidt erlebte ich allein schon im Bereich der Kirche als Kind hautnah die großen Verschiedenheiten im geistigen Leben. Dadurch fühlte ich mich ermuntert, durch eigenes Nachdenken für mich selbst eine eigene, selbständige Auffassung zu entwickeln.

Als dann nach Rückkehr aus dem Westen im September 1956 die 9. Klasse an der Goethe-Schule begann, begannen vier Jahre, in denen zuweilen verbissen um Glauben und Weltanschauung gerungen wurde. Unsere Jugendkreise, Freizeiten und Treffen der Jungen Gemeinde wurden noch breiter in den Themen. Die Bibelarbeit war weiter ständige Praxis, aber wir befassten uns auch mit Musik, Literatur und dem Berufsleben, was auf uns zukam.

Die Schule sollte uns eine sozialistische Weltanschauung vermitteln. Lehrer und FDJ beriefen sich dabei auf den Marxismus-Leninismus. Leninismus war für mich kein Thema. Mit dem Marxismus jedoch begann ich mich in den vier Jahren Oberschule zu befassen und begann einiges daran zu verstehen.

Dabei merkte ich schnell, dass meine Gegenüber, die mich überzeugen wollten, den Marxismus sehr vereinfachten. Es lief so ziemlich immer darauf hinaus, daß die Gesellschaft nur umgekehrt werden sollte, daß also die bisher am meisten Benachteiligten nun die Privilegierten sind.

Endlos wurde der Gegensatz "Materialismus-Idealismus" erörtert. Ich war gut in Physik. Mein Physiklehrer, der alte Herr Brauer, holte mich manchmal vor die Klasse, damit ich bestimmte Themen (hauptsächlich Elektrophysik) im Zusammenhang vortrage. Nebenbei hatte ich angefangen, mir Einsteins Erkenntnisse klarzumachen. Dazu gab es verständliche Darstellungen von Einstein selbst und von dem polnischen Prof. Leopold Infeld.

Diese ersten Einblicke in die Relativitätstheorie und auch in die Quantentheorie nutzte ich dann dazu, meine Diskussionspartner z.B. damit zu konfrontieren, daß Einstein nicht sicher war, ob das Weltall offen oder geschlossen wäre, daß der Rauminhalt des Weltalls nur endlich wäre, daß die Rotverschiebung der Spiralnebel beweist, daß die Welt einen Anfang (Urknall) hat usw. Dabei trug ich immer weiter das Kugelkreuz an der Jacke.

Die Agitatoren für die sozialistische Weltanschauung hielten natürlich an der Unendlichkeit von Raum und Zeit fest und stempelten mich zum Idealisten. Ich gab mich in den Debatten mit Vorliebe als Naturwissenschaftler und Techniker. Wenn ich darauf hingewiesen wurde, daß das nicht zu meinem Idealismus passen würde, verwies ich z.B. auf Max Planck. Max Planck war ja religiös gewesen, allerdings im Sinne eines alles durchdringenden Weltgeistes.

An der Goethe-Schule unterrichtete damals kurz vor seinem Altersruhestand auch Dr. Burmeister in Physik und Mathematik. Er hatte noch bei Max Planck studiert und hielt anläßlich von dessen 100. Geburtstag in der Aula einen Vortrag darüber, wie Max Planck auf das Planck´sche Wirkungsquantum gekommen war.

Die weltanschaulichen Debatten hörten nicht auf. Auch in den Jugendkreisen der Jungen Gemeinde beschäftigten wir uns mit der Spannung Glaube/Wissenschaft.

Die meisten Mitschüler an der Goethe-Schule allerdings beteiligten sich wenig oder gar nicht daran. Wir waren damals etwa 10 - 20 Mitglieder der Jungen Gemeinde an der Goethe-Schule.

Bei Lehrern und Schulleitung spürte man auch ein gewisses Maßhalten in der Auseinandersetzung. Solche Repressalien, wie sie in den Monaten Ende 52 / Anfang 53 stattfanden, gab es nicht. Die damalige staatliche Korrektur hatte wohl insofern längere Wirkung.

Eine lange Nachwirkung auf andere Weise erlebte ich Ende der 60-er Jahre, als ich über einige Jahre mit einem älteren Kollegen in der Betriebsakademie der Energieversorgung zusammenarbeitete, der 52/53 Kreisschulrat auf Rügen war. Ihm tat bis zu seinem Lebensende leid, daß er damals den Parolen gegen die Junge Gemeinde gefolgt war und diese Schüler von der Schule gewiesen hatte. Noch im Sommer 53 sollte er sich dann bei ihnen entschuldigen und sie wieder in die Schule aufnehmen. Er erzählte mir aus eigenem Antrieb davon, als 1968 die Kampagne gegen die Demokratisierung in Prag lief und ich berichtete ihm daraufhin von meiner Zeit in der Jungen Gemeinde.

Die oben geschilderte Zeit von Frühjahr bis Herbst 1956 war nicht außergewöhnlicher als die vorhergehende oder die folgende. Sie enthält aber beispielhaft die meisten Personen und Vorgänge, die eine Rolle spielten.

Viel könnte man noch berichten.

Es ging dann weiter mit dem Konflikt um die Einführung der Jugendweihe.

Unser Schaukasten an der Straßenbahnhaltestelle in der Körnerstraße (oftmals gestaltet von Peter Muzeniek), die Landesjugendtreffen in Güstrow, Umbau und Instandsetzung der Oase unter Leitung von Diakon Beier und, und ....

Im Rückblick sehe ich die Zeit bei der Jungen Gemeinde als wichtig und prägend auf dem Weg ins Leben, auch wenn ich dann als Erwachsener Kernsätze des christlichen Glaubens einfach nicht mehr mit meinem Verstand vereinbaren konnte (ewiges Leben jeder einzelnen Seele, Auferstehung des Fleisches, Existenz eines persönlichen Gottes außerhalb dieser Welt, aber in der Welt wirkend, und andere Kernsätze). Darum stand ich dann außerhalb der Gemeinde, behielt aber Verbindung mit den Freunden aus dieser Zeit. 

Wenn ich die gesamten acht Jahre betrachte, dann würde ich folgende besonderen Eigenschaften des Lebens in der Jungen Gemeinde zusammenfassend hervorheben:  

-          Der christliche Glaube war zwar die Grundlage, aber das inhaltliche Spektrum erstreckte sich weit darüber hinaus. Literatur wie "Draußen vor der Tür" von Wolfgang Borchert, Schriften und Berichte von Dietrich Bonhoefer und den Geschwistern Scholl, das Wirken Albert Schweitzers und Mahatma Gandhis, Gospel- und Spiritualmusik und vieles mehr lernten wir in der Jungen Gemeinde schon kennen, bevor es erst Jahre später vielleicht in Familie, Schule und Öffentlichkeit auch Thema wurde.

-          Wir leisteten nach Kräften eigene Beiträge. Einer wußte und konnte dies, der andere das. Diakone und Landesjugendpastor gaben zwar die Anstöße, aber immer mit dem Ziel, daß wir selber aktiv wurden.

-          Obwohl es die Kontroversen mit dem sozialistischen Staat gab, waren viele von uns jedoch auch durchaus kritisch gegenüber dem westdeutschen Staat. In der Jungen Gemeinde gab es keinen Drang, in den Westen zu gehen und wenn einige doch diesen Weg gingen, dann weil die Umstände das mit sich brachten. Der Anteil blieb jedoch im Vergleich zu dem allgemeinen Weggang in den Westen gering.

-          Eine Besonderheit war, daß wir Jungen in den Jugendkreisen und Freizeiten unter uns waren. Von den Mädchen kriegten wir nur manchmal was mit anläßlich der Landesjugendtreffen und der Andachten im Dom. Wenn ich die alten Fotos betrachte, denke ich, daß unser Campen ganz allein in einsamer Natur uns ein besonderes Abenteuergefühl erfahren ließ, welches für Jungen immer wichtig war und ist. An solchen Freizeiten konnte ich an der Döpe, bei Zapel und am Barniner See teilnehmen.

Ich meine, daß sich bei der Erziehung und Bildung der heutigen Kinder und Jugendlichen die damaligen Erfahrungen zwar nicht direkt auf heute übertragen lassen, aber einige Erkenntnisse könnte man schon daraus ziehen.

Z.B. daß solche Inhalte entscheidend sind, die jedes Kind ohne Belehrung ein positives Verhältnis zu seinen Mitmenschen verstehen lassen und daß den Kindern nicht einfach was geboten wird, sondern daß sie selbst aktiv werden müssen, damit Freude aufkommt.